MainKind | Ausgabe 1/2020

Die Tage werden länger, das nächste Familienfest steht vor der Tür und die nun immer öfter scheinende Sonne bringt ans Tageslicht, was die Winter- trübnis bisher gnädig verdeckte: drecki- ge Fenster, Staub auf dem Bücherregal, Spinnweben an der Zimmerdecke und Wollmäuse unterm Sofa. Nicht um- sonst wird traditionell jetzt der Lappen geschwungen und Frühjahrsputz ge- macht. In alten Zeiten wurde nach dem kalten Winter nun der Ruß der Feuerung von den Böden und Möbeln wegge- scheuert und die Decken und Textilien gewaschen und in den ersten Sonnen- strahlen getrocknet. Sogar in der nächsten Generation ist der Begriff aus mir unerfindlichen Grün- den schon angekommen. Seit Wochen werde ich gefragt: Mama, wann ma- chen wir endlich Frühjahrsputz? Wenn sich diese Begeisterung nur genauso hartnäckig während der Durchführung halten würde, wäre ich begeistert und wir ruckzuck fertig. Leider endet der En- thusiasmus spätestens dann, wenn die gefühlten zwanzig Liter Wasser, die zur gründlichen Reinigung mit unterschied- lichsten Instrumenten an den Fens- terscheiben gesprüht, gespritzt und geklatscht wurde, auf dem Boden Rich- tung Teppich fließen und die Klamotten klatschnass sind. Während ich also ge- nervt Kinder, Wohnzimmer und Fenster trockenlege, überlege ich krampfhaft, wie meine Eltern das früher handhabten und ob dieses Großreinemachen über- haupt noch zeitgemäß ist. Die Zeiten, in denen viele unserer Handlungen von den Jahreszeiten abhing, sind schließ- lich vorbei. Allerdings fühlt es sich gut an, wenn es dann endlich geschafft ist. Es gibt einem das Gefühl, wirklich was erledigt zu haben, die guten Vorsätze des neuen Jahres sichtbar (zumindest teilweise) in die Tat umgesetzt zu ha- ben. Denn wenn die Amsel singen und die Kirschbäume blühen, dann lockt der Neuanfang. Jetzt scheint die Zeit, sich von Altlasten zu befreien, auch im über- tragenen Sinne: Die äußere Ordnung und Sauberkeit helfen oft auch, den Kopf klar zu bekommen, produktiver und zufriedener zu werden. Und sei es nur, weil sich am Ende des Frühjahrs- putzes die wohlige Ermüdung ausbrei- tet und der Blick durch die streifenlosen Fenster zeigt, was man geschafft hat. Das funktioniert übrigens auch, wenn der Frühjahrsputz sich nachwuchsbe- dingt über drei oder vier Wochenenden hinzieht – bevor der erste Blütenstaub- regen dann wieder die Sicht trübt und sich alte Gewohnheiten über den Som- mer einschleichen. Bis zum nächsten Frühjahrsputz. (nh) Warum im Frühjahr doch noch geputzt wird… • • • • • • seit 1867 RACKOW • • • • • • • • • • • • glosse | 3

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